Klärungshilfe und Erfahrungen aus der klassischen Mediation


Oft begegnen wir in unserer Arbeit als Mediatoren/Mediatorinnen Situationen, in denen die Beteiligten durch Vergangenheitserleben und die damit verbundenen Verletzungen von Bedürfnissen so blockiert sind, dass sie sich schwer tun, den Blick auf die Zukunft und deren gute Gestaltung zu richten.

 

Gerade in der Erbmediation zeigt sich häufig, wie massiv Kindheitsgefühle konstruktive Vereinbarungen behindern können. Wir erleben „heiße Konflikte“. In Unternehmen, Organisationen, Teamstreitigkeiten werden heftige Gefühle oft massiv „gedeckelt“, „versteckt“, weil sie nicht opportun erscheinen. „Kalte Konflikte“ vergiften das Miteinander. Die Klärungshilfe hat hierzu eine unmissverständliche Botschaft: „Wahrheit heilt“.

 

Viele Mediatorinnen und Mediatoren sowie Konfliktparteien scheuen sich, direkt auf emotionale Schuldzuweisungen und Vorwürfe zuzugehen. Die Sorge ist häufig: Was wird wohl passieren, wenn man diese emotionalen Abgründe offenbart? Der Umgang mit diesen Emotionen ist in der Klärungshilfe sehr klar, direkt und ohne Barriere.



In der Philosophie der Klärungshilfe ist es heilsam, wenn die Parteien aufgefordert werden, die Du-Botschaften auszusprechen, die sie ohnehin im Kopf haben und die eine Verständigung, ja sogar Achtung blockieren. Die Arbeit mit den Beteiligten führt durch die „harten“, eskalierenden Gefühle (Wut, Hass, Trotz ...) hindurch zu den darunter verborgenen „weichen“ Gefühlen (Hilflosigkeit, Ohnmacht, Angst vor Ablehnung ...), die Begegnung und Verstehen wieder ermöglichen. Wenn diese Gefühle benannt und gewürdigt sind, findet „Heilung“ statt und der Weg zur Deeskalation und Beilegung des Konfliktes wird möglich.

 

Die Klärungshilfe bietet einen theoretischen und methodischen Rahmen, der es Mediatorinnen und Mediatoren erlaubt, die oben beschriebenen Konfliktdimensionen zum Wohle der Beteiligten zu bearbeiten. Durch „Dialogisieren“ und „Doppeln“ werden die verschiedenen Gefühlsschichten durchschritten. Der Klärungshelfer, die Klärungshelferin kann durch „Erklären“ die Parteien dabei unterstützen, sich mit den offenbarten Tiefen ihrer Gefühle zu versöhnen und den Blick nach vorne zu wenden. So stellt sich heraus, dass heftige Gefühle „Scheinriesen“ sind: Je klarer sie betrachtet werden, desto kleiner, ungefährlicher und produktiver werden sie.

 

In der Klärungshilfe nimmt die Mediatorin oder der Mediator eine stärkere Führungs- und Resonanzrolle ein als in der klassischen Mediation. So fällt es leichter zu steuern und die Konfliktparteien zum Kern des Konfliktes zu führen.

 

 

Die Klärungshilfe kann als eine (europäische) Form der Mediation betrachtet werden. Sie ist von dem Psychotherapeuten Dr. Christoph Thomann Ende der 70er Jahre entwickelt, 1981/82 von F. Schulz von Thun an der Uni Hamburg beforscht und 1985 erstmals publiziert worden. Der Begriff „Klärungshilfe“ stammt von Friedemann Schulz von Thun, bei dem Thomann schließlich mit diesem Thema promoviert hat. Seither hat sich die Klärungshilfe inhaltlich und strukturell weiterentwickelt.

 


Christian Prior / Brigitte Hörster